Elfriede Jelinek
Elfriede Jelinek
(Born 1946 in Mürzzuschlag)
Zurückgezogen lebend, doch in ihren Texten umso präsenter, ist Elfriede Jelinek eine der wichtigsten Gegenwartsautorinnen. Verlässlich zerlegt sie in ihren Werken die Macht- und Unterdrückungsmechanismen in Klassen-, Geschlechter- und Naturverhältnissen. Der literarische Durchbruch gelang ihr 1975 mit Die Liebhaberinnen, es folgten u. a. die Romane Die Klavierspielerin (1983), Lust (1989) und Die Kinder der Toten (1995), die ihren Ruf als kompromisslose Gesellschaftskritikerin festigten. Später sorgten Theatertexte wie Bambiland (2003) und Die Schutzbefohlenen (2013) durch ihre politische Brisanz für Aufsehen. 2004 wurde Jelinek mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet für »den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen«. Manches darunter, etwa die Oralität der geschriebenen Sprache, schätzt Elfriede Jelinek auch an Thomas Bernhard, dem sie kleinere publizistische und literarische Texte gewidmet hat.
Die Schrift. Sie entsteht, indem sie nie entsteht, indem aber unaufhörlich von ihr die Rede ist. Die Schrift übernimmt nun die Vormacht über mein Sprechen, indem sie, als Schrift, nur noch schweigt und schweigt, und das Sprechen natürlich nie ankommt, weil dort, wo sein Zielbahnhof wäre, das blöde Schweigen jetzt steht und nicht abhaut, ich glaub, es hat eine Panne. Und keiner fährts weg. Indem sich die Schrift mir verweigert, kann ich erst mit dem Sprechen anfangen, so ist das mit mir, und ich spreche über nichts sonst als diese Schrift. Doch indem ich spreche, merke ich, was ich vorher schon ahnte: sie ist ja gar nicht mehr nötig, die Schrift!
Elfriede Jelinek: »Das Schweigen«, in: Das Lebewohl: 3 kl. Dramen, Berlin: Berlin Verlag 2000, S. 37-48; hier S. 44f.


