Reto Hänny

(Born 1947 in Tschappina)

Reto Hänny, wohnhaft in Zollikon, wuchs auf dem Bergbauernhof seiner Eltern in der Schweiz auf und studierte nach dem Ausbruch aus der ländlichen Provinz Germanistik und Ethnologie in Zürich. Im September 1980 beteiligte er sich an den Zürcher Jugendunruhen; eine prägende Erfahrung, die er in Zürich, Anfang September (1981) verarbeitete. In Prosa wie Ruch. Ein Bericht (1979), Guai (1994), Blooms Schatten (2014) oder Sturz. Das dritte Buch vom Flug (2020) lässt Hänny in komplexen Textmontagen persönliche Erinnerungen, Zeitgeschichte und sprachliche Reflexionen ineinanderfließen. 1994 wurde er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet, 2022 folgte der Schweizer Grand Prix Literatur für sein Gesamtwerk. Thomas Bernhards Ausfälle gegen die Schweiz sind ihm nicht entgangen.

In einem unscheinbaren blaugrünen schmalen Bändchen bezeichnet der Erzähler eines heutigen Schriftstellers die Stadt als eine der kältesten die es gibt die Finsterste die er kenne, deren Bewohner tief sind oder schwach oder widersinnig von Finsternis und vor Kälte. In den meisten Gesichtern ist nichts als Dummheit, heißt es da wenig rühmlich, und Dummheit ist in allen diesen Gesichtern etwas anderes zu vermuten oder zu suchen oder begreifen zu wollen als Dummheit; mag der Erzähler sich dabei nun ebensogut auf die Darstellung aus der Sicht jenes Diplomaten aus der Zeit der Postkutschenromantik kurz vor Beginn der Neuzeit berufen und nicht unbedingt ausschließlich auf Zustände in der heutigen Zeit des Massentourismus, aus dem Gedanken, heißt es im gleichen Text, machen wir eine Wirklichkeit die die tatsächliche Wirklichkeit ist.

Reto Hänny: Ruch. Ein Bericht, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984, S. 83.