Jean-Philippe Toussaint

Der erste größere Erfolg im Leben des 1957 in Brüssel geborenen Jean-Philippe Toussaint war der Juniorenweltmeister-Titel im Scrabble 1973, und die Kunst, Worte zu finden, begleitet ihn seither: Seine Karriere als Schriftsteller begann mit dem Erscheinen des Romans La Salle de bain (Das Badezimmer, 2004) im Jahr 1985, nachdem er sein Geschichtswissenschaftsstudium in Paris abgeschlossen und einige Jahre als Französischlehrer im algerischen Médéa gearbeitet hat. Seither veröffentlicht er zahlreiche Romane, von denen er auch mehrere selbst verfilmte. Neben dem Schaffen als Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur ist der inzwischen auf Korsika lebende Toussaint auch als Photograph tätig.

In dem 2012 bei seinem Hausverlag Éditions de Minuit erschienenen Essayband L’Urgence et la Patience (2012; dt. Die Dringlichkeit und die Geduld, 2012) gibt er Einblicke in seine kreative Entwicklung und teilt prägende Lektüreerfahrungen, darunter Proust, Dostojewski, Kafka, Camus und Beckett, nicht jedoch Bernhard. Sein »oddly unmentioned master Thomas Bernhard« (Byron 2015: n. p.) fällt auch der Kritik auf, speziell wegen Toussaints ›Geistesmenschen‹-Figuren mittleren Alters, die es nicht fertigbringen, ihre Bücher zu schreiben, und sich stattdessen ins Ausland oder in Routinen flüchten, einem der zentralen Erzählmotive Bernhards.

In einem Libération-Interview gefragt, woher die Gereiztheit seiner Figuren gegenüber ihrer materiellen und menschlichen Umgebung rührt, antwortet Toussaint mit Blick auf seinen Roman La Télévision (1997; dt. Fernsehen, 2008), dass er Lächerliches immer als lächerlich dargestellt habe und dass die Bosheit ein guter Motor sei. Es reiche, Thomas Bernhard zu lesen, um sich davon zu überzeugen (»La méchanceté est un bon moteur, il suffit de lire Thomas Bernhard pour s’en convaincre«, Toussaint/Gaudemar 1997: n. p.; Übers. J. W.). In La Télévision ringt ein Kunstgeschichte-Professor während eines Forschungsjahrs in Berlin mit seiner lang geplanten Tizian-Studie ›Der Pinsel‹. Er beschließt, im Interesse seiner Schreibarbeit das Fernsehen aufzugeben, zu dem es ihn zuletzt immer häufiger zieht. Die über Jahre betriebenen Recherchen und der aus ihnen resultierende Materialberg haben eine Überforderung hinterlassen, die sich schon beim Sortieren deutlich zeigt:

(M)anchmal trieb ich die Gewissenhaftigkeit des Archivars sogar so weit, daß ich aufstand und von meinem Schreibtisch einen Stift holte, um den einen oder anderen Absatz zu markieren, ganze Sätze zu unterstreichen, einige Ausschnitte mit Datum zu versehen, um ihn dann in die Mülltüte zu werfen.

Jean-Philippe Toussaint: Fernsehen, übers. von Bernd Schwibs, Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt 2008, S. 18.*

 

Was Toussaints Erzähler hier mit einer dem Bernhardschen Geistesmenschen eher fremden Leicht(fert)igkeit regelt, ist für Rudolf, den am nächsten verwandten Studienschreiber aus Bernhards Prosa Beton (1982), unabdingbar für das Gelingen jeglicher »Geistesambitionen« (Bernhard 2006: 27): »Wahrscheinlich habe ich auch nur deshalb immer wieder mit meiner Arbeit nicht anfangen können, weil die Bücher und Schriften auf meinem Schreibtisch nicht richtig geordnet waren, sagte ich mir.« (128). So begibt sich Rudolf mit Blick auf die seit Jahrzehnten vorgenommene Mendelssohn Bartholdy-Studie an die Präparationen seiner Räumlichkeiten für den Schreibbeginn am nächsten Morgen. Er ist

(…) mehrere Male aufatmend durch das Haus gegangen, um es einmal gut durchzulüften und schließlich in Anbetracht der Tatsache, daß schon der nächste Morgen der Siebenundzwanzigste sein wird, daran gegangen, alles für mein Vorhaben herzurichten, die Bücher, die Schriften, die Berge von Notizen und die Papiere, alles auf meinem Schreibtisch genau jenen Gesetzen unterzuordnen, die schon immer die Voraussetzung waren für einen Arbeitsbeginn. Wir müssen allein und von allen verlassen sein, wenn wir eine Geistesarbeit angehen wollen! Wie nicht anders zu erwarten, hatte ich nach den Vorbereitungen, die mich über fünf Stunden, von halbneun Uhr am Abend, bis halbzwei Uhr in der Frühe in Anspruch genommen hatten, den Rest der Nacht nicht geschlafen, vor allem quälte mich fortwährend der Gedanke, meine Schwester könne aus irgendeinem Grund zurückkommen und meinen Plan zunichte machen (…).

Thomas Bernhard: Beton [= Werke 5], hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 6f.

Was bei Rudolf die störende Schwester ist, hat als Störfaktor bei Toussaint einen zentralen Platz im Wohnzimmer. Fernsehbedingt gerät der für den nächsten Morgen geplante große Auftakt in Gefahr: 

Danach kehrte ich kurz das Zimmer aus, öffnete die Balkontür, um mein Büro schön zu durchlüften, schüttelte den Bettvorleger an der frischen Luft aus und räumte mein Bett von dem Köfferchen und dem Malblock frei, die darauf lagen. Nachdem diese diversen Vorbereitungen getan waren, stellte ich den Wecker in meinem Zimmer auf Viertel vor sieben, und nach einem letzten Kontrollgang durch die Wohnung und in der Gewißheit, daß alles in Ordnung, mein Schreibtisch vorbereitet war und ein Stoß jungfräulichen Papiers neben dem Computer lag, meine Bücher und meine Dokumentation in Reih und Glied standen und bereit, geöffnet zu werden, schloß ich sachte die Tür meines Arbeitszimmers und begab mich ins Wohnzimmer, setzte mich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein.

Toussaint: Fernsehen, S. 18f.**

 

Juliane Werner

Zitate im Original

* »(P)arfois, je poussais même ma conscience d’archiviste jusqu’à me relever pour aller prendre un stylo sur mon bureau et annoter quelque paragraphe, souligner quelque phrase, dater quelque coupure [], avant de les jeter dans le sac-poubelle.« (Toussaint 1997: 20)

** »Je donnai ensuite un petit coup de balai dans la pièce, ouvris la porte-fenêtre qui donnait sur le balcon pour bien aérer mon bureau, allai secouer les carpettes à l’air libre, et débarrassai le lit de ma mallette et du carton à dessin qui étaient posés dessus. Ces différents préparatifs accomplis, j’allai mettre le réveil à sept heures moins le quart dans ma chambre, et, après avoir vérifié une dernière fois que tout était en ordre dans l’appartement, que tout était prêt dans mon bureau, ma table de travail bien rangée et une rame de papier vierge posée à côté de l’ordinateur, mes livres et ma documentation bien agencés et prêts à être ouverts, je refermai tout doucement la porte de mon bureau et me rendis dans le salon, m’assis dans le canapé et allumai la télévision.« (Toussaint 1997: 20f.)

Literaturverzeichnis

Bernhard, Thomas: Beton [= Werke 5], hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Byron, Dylan: »Toussaint in the Maquis: On Edward Gauvin’s Translation of ›Urgency and Patience‹«. In: The Millions – Books, Arts, and Culture, 9. September 2015, https://themillions.com/2015/09/toussaint-in-the-maquis-on-edward-gauvins-translation-of-urgency-and-patience.html.

Toussaint, Jean-Philippe: »On arrête de la regarder comme on arrête de fumer«, Interview mit Antoine de Gaudemar. In: Libération, 16. Jänner 1997, https://www.liberation.fr/livres/1997/01/16/on-arrete-de-la-regarder-comme-on-arrete-de-fumer_194008/.

Toussaint, Jean-Philippe: Fernsehen, übers. von Bernd Schwibs. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt 2008.

Toussaint, Jean-Philippe: La Télévision. Paris: Minuit 1997.

Toussaint, Jean-Philippe: L’Urgence et la Patience. Paris: Minuit 2012.