»Wirkung ist letztenendes etwas Furchtbares.«
Thomas Bernhard
an Siegfried Unseld,
21. März 1973
›GlobalBernhard‹ ist das erste Projekt, das Reaktionen internationaler Autor*innen auf Thomas Bernhards Werk erfasst, kontextualisiert und mit Übersetzungen, Kommentaren und biobibliografischen Angaben digital zugänglich macht. Mehr als 200 Einträge von Ägypten bis Vietnam veranschaulichen die Vielfalt an kreativen Auseinandersetzungen, die von Anspielungen über Auftritte von Bernhard-Figuren bis zu vollendeten Pastiches reichen. Die Seite lädt zugleich ein, neue literarische Stimmen aus aller Welt zu entdecken.
Thomas Bernhards internationales Echo
»Weltliteratur« (W22.2: 525) zu verfassen, hatte für Thomas Bernhard einen unerwarteten Nebeneffekt: Seine Werke fanden schon früh bei Leser*innen ein Echo, die selbst schreiben: »[S]oviele Bücher, die ich aufmache, beweisen mir, wieviele Schriftsteller meine Prosa gelesen haben. Andauernd kommen (…) lauter Enkel und mit diesen Enkeln verwandte Enkel meiner Figuren auf mich zu. Wirkung ist letztenendes etwas Furchtbares.« (Bernhard/Unseld 2009: 352) Einige der Angesprochenen sehen dies ähnlich, konfrontiert mit der Schwierigkeit, ihr eigenes Schreiben mit dem Sprachsog Bernhards zu versöhnen, der schon als Fluch (vgl. Cyril Huot), Sucht (vgl. Alois Brandstetter) und Virus (vgl. Giuseppe Culicchia) bezeichnet wurde, als ein regelrechtes Unglück (vgl. Werner Kofler), andererseits auch als Mut zum Risiko (vgl. S. J. Naudé), als Belebung (vgl. Siri Hustvedt) und als Energie (vgl. Jonathan Lethem).
Bernhard’s imitability is infamous… and it’s become a truism for all of us writing in his shadow that we have to shield ourselves against his influence: close the books, walk away. But I find that I can’t really close the books, and I don’t want to.
Adam Ehrlich Sachs, Los Angeles Review of Books, 24. Juli 2019.
Auf welchen formalen, thematischen und stilistischen Besonderheiten beruht dieser starke Effekt? Welche Gestalten nimmt er an in den mehr als vierzig Sprachen, in die der nach 1945 am meisten stilprägende Autor (vgl. Mittermayer 2007: 159) deutscher Sprache übersetzt wurde? Wie appropriieren Schriftsteller*innen in verschiedenen kulturellen Kontexten Bernhardsche Eigenheiten im Laufe der Jahrzehnte? Wie nutzen sie sie als »Rampe ins eigene Erzählen« (Betz 2003: 72)? Wie positionieren sie sich im Spannungsfeld von Autonomie, Imitation und Transformation?
Die kreativen Anverwandlungen reichen von absurden Kurzgeschichten (Agustina Bazterrica) über Horror-Erzählungen (Thomas Ligotti) und fiktionalen Krankheitsberichten (Susan Sontag) bis zu Liebesbriefromanen (Gemma Salem). Nicht nur Prosa ist vertreten, auch Dramen und Lyrik, von Kaufhaus-Dramoletten (Benjamin von Stuckrad-Barre) bis zu existentiellen Gedichten (Israël Eliraz). Neben Literatur-Porträts verzeichnet die Seite auch Interviewaussagen und Essays zum Autor (z. B. von Italo Calvino, Lucy Ellmann, Orhan Pamuk und Karl Ove Knausgård). Ein Fokus liegt auf noch nicht ins Deutsche übersetzten Texten des 21. Jahrhunderts, etwa von Kari Hukkila (Finnland), Youssef Rakha (Ägypten), Jacek Dehnel (Polen) und Jen Craig (Australien). Weniger bekannte Beispiele seit den 1960er Jahren, etwa von Vitaliano Trevisan (Italien) und Nicole Filion (Kanada), sind ebenso vertreten wie häufig zitierte Bernhard-Fans wie Imre Kertész (Ungarn) und Horacio Castellanos Moya (El Salvador).
Die Gesamtheit der seit 2022 unter Mitwirkung von Studierenden der Vergleichenden Literaturwissenschaft entstehenden Texte gibt einen Einblick in Bernhards literarisches Nachleben auf globaler Ebene, in die Trends und Herausforderungen der produktiven Rezeption, die über Zeit und Raum hinweg neue Perspektiven auf ein außergewöhnliches Werk eröffnen.
Juliane Werner