Fritz Krenn

(Geb. 1958 in Graz)

Die Lektorin fand, am Podiumsrand stehend, »Das notariell versiegelte Tagebuch« in der Hand, darin einige überaus interessante Sätze, um, während sie mit einer Geste den ersten Lesenden des heutigen Abends, den Grazer Autor Fritz Krenn zum Lesepult wies, auf die spannenden Momente nach dessen Lesung hinzuweisen. Denn unmittelbar danach sollte der Auftritt des Chronisten mit seinen bis dato unbekannten Einblicken in das Leben des Autors der Korrektur und der Verstörungen, vor allem der Verstörungen, wie sie sich sogleich korrigierte, folgen.

Um sich danach sogleich auf den mit Sicherheit noch nie zuvor in der Villa Schaffler ansichtig gewordenen Überraschungsgast herzhaft zu freuen. Und in einem Nebensatz wurden alle Besucher im Lesesaal aufgefordert, diesen Auftritt des sogenannten Überraschungsgastes zum Schluss der Veranstaltung mit besonderer Spannung, wie die Cheflektorin abermals betonte, mit besonderer Spannung zu erwarten.

Das Publikum akklamierte, während der Grazer Autor an einem ihm soeben von der Cheflektorin zugewiesenen Leseplatz am Podium Aufstellung zu nehmen hatte, hinter einem für den Schriftsteller allerdings viel zu niedrigen, einem Notenständer ähnlichen Lesepult. Quer über die Bühne, vorbei am Lesetisch des Realitätenhändlers, hatte der Autor zuvor noch zu gehen. Nahe genug vorbei am Ferkelhändler, am Pragmatiker, am Chronisten. Tief in seinem Sessel und unverrückbar zwischen seinen beiden säulengleichen »Karl Ignaz Hennetmair«-Büchertürmen, würdigte dieser, wie ein Pförtner aus seiner Pförtnerloge heraus, den vor ihm vorbeigehenden Grazer Autor, welcher gleich mit seiner Lesung beginnen würde, keines Blickes.

 

Fritz Krenn: Meine Lesungen, Mattighofen: Korrektur 2023, S. 148-149.